Der Long Run mit Endbeschleunigung: So trainierst du die Marathon-Pace

Von Matthias Henkert · Läufer, Rennradfahrer und Entwickler von WattRun · Zuletzt geprüft

Der lange Lauf am Sonntag ist die wichtigste Einheit im Marathon­training. Normalerweise wird dieser im lockeren Grundlagen­bereich (Zone 2) gelaufen. Doch nur locker zu traben, bereitet dich nicht auf die harte Realität des Wettkampfes vor. Du musst lernen, deine Ziel-Pace dann zu laufen, wenn die Beine bereits schwer sind. Die Lösung: die Endbeschleunigung.

Kurzfassung: Long Run mit Endbeschleunigung = ersten Teil locker, im letzten Drittel auf Marathon-Pace. Simuliert Renntag-Bedingungen unter Vorermüdung. Alle 2–3 Wochen einbauen, nicht öfter, denn die Einheit ist anspruchsvoll.

Was ist ein Long Run mit Endbeschleunigung?

Anstatt die gesamten 28 bis 32 Kilometer in einer Wohlfühl-Pace zu laufen, integrierst du deine geplante Marathon-Pace (M-Pace) in das letzte Drittel des Laufs. Die Idee: du verbringst die ersten 60–70 % der Distanz im aeroben Bereich (Z2), aktivierst Fett­stoffwechsel, sammelst Time-on-feet und schaltest dann auf Renntempo, wenn deine Beine bereits müde sind. Genau das passiert, am Renntag bei Kilometer 30.

Ein Beispiel-Workout

Stell dir vor, du planst einen 30-Kilometer-Lauf. Deine Zielzeit für den Marathon ist 3:30 Stunden (Pace 4:59 min/km). Dein Workout sieht so aus:

AbschnittDistanzPaceZoneZweck
Aufwärm­phasekm 1–205:40–5:50/kmZ2 (Easy)Time-on-feet, Fettstoffwechsel
Endbeschleunigungkm 21–284:59/km (M-Pace)Z3Renntag-Spezifität unter Vorermüdung
Cool-downkm 29–305:30–6:00/kmZ2Lockeres Auslaufen

Gesamt-Zeit: ca. 2:35:00. Gesamt-Belastung: ~140–160. Eine echte Wettkampf-Vorbereitungs­einheit.

Warum das so effektiv ist

Im Wettkampf ist es ein Kinderspiel, deine Ziel-Pace auf den ersten 10 Kilometern zu laufen: Du bist frisch, das Adrenalin pusht. Die wahre Heraus­forderung ist, die Pace bei Kilometer 35 zu halten. Hier kommen vier Effekte zusammen:

1. Muskuläre Spannung trainieren

Nach 20 km Easy-Lauf sind deine Muskelfasern bereits müde. Wenn du dann auf M-Pace umschaltest, lernen deine Beine, Spannung trotz Vorermüdung zu erzeugen. Genau das musst du am Renntag bei Kilometer 32 abrufen.

2. Glykogen-Management

Nach 20 km Easy hast du etwa 40–50 % deiner Glykogen­speicher verbraucht. Auf M-Pace wechselst du in einen kohlenhydrat-lastigeren Modus und trainierst dabei die letzten Reserven, die am Renntag entscheidend sind. Wer hier richtig fuelt (Carbs während des Laufs), übt gleichzeitig die Wettkampf-Verpflegungs­strategie.

3. Mentale Härte

Der Punkt, an dem du auf M-Pace umschaltest, fühlt sich am Anfang härter an, als die echte Pace ist. Genau dieses Gefühl („harte Pace mit müden Beinen“) wirst du am Renntag spüren. Wer die Empfindung im Training kennt, kommt am Renntag nicht in Panik.

4. Selbstvertrauens-Boost

Wenn du im Training 8 km auf M-Pace nach 20 km Easy schaffst, weißt du am Renntag: das geht. Selbstvertrauen ist im Marathon-Schluss die Hälfte der Miete.

Progression über die Trainings­wochen

Die Endbeschleunigung baut sich progressiv auf. So sieht eine typische Marathon-Vorbereitung aus:

Trainings­wocheLong Run totalEndbeschleunigungBemerkung
Woche 826 km4 km @ M-PaceErste Einführung
Woche 1028 km6 km @ M-PaceSteigerung
Woche 1130 km8 km @ M-PaceHauptblock
Woche 12 (Recovery)22 kmkeineKomplett easy
Woche 1332 km10 km @ M-PaceLängste Endbeschleunigung
Woche 14 (Peak)32 km16 km @ M-PaceHärteste Einheit der Vorbereitung

Diese Progression baut Marathon-Spezifität auf, ohne dich zu übertrainieren. Der Schlüssel: maximal eine Endbeschleunigung pro 14 Tage. Dazwischen "nur" lockere Long Runs zur Erholung und Volumen­erhaltung.

Häufige Fehler

Variation: Cut-Down Long Run

Eine alternative Form der Endbeschleunigung ist der „Cut-Down“: Die Pace wird über die zweite Hälfte progressiv gesteigert:

AbschnittPace
km 1–15 (Easy)5:50/km
km 16–22 (Marathon-Pace+)5:15/km
km 23–28 (Marathon-Pace)4:59/km
km 29–30 (Marathon-Pace−)4:48/km

Cut-Downs simulieren einen Negative Split. Gut für fortgeschrittene Marathonis, die bereits eine Endbeschleunigung gemeistert haben.

Wichtig: Erholung

Diese Einheiten sind extrem anstrengend. Baue sie nur alle zwei bis drei Wochen ein und achte danach auf gute Regeneration:

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Häufige Fragen zur Endbeschleunigung

Ab wann sollte ich Endbeschleunigungen in meine Long Runs einbauen?
Nach 4–6 Wochen Aufbau-Phase. Du brauchst eine solide aerobe Basis (3+ Long Runs über 20 km in den letzten 4 Wochen), bevor du Endbeschleunigungen sinnvoll fahren kannst. Davor ist die Einheit zu früh.
Wie viel Endbeschleunigung ist genug?
In der Peak-Phase 12–16 km auf Marathon-Pace nach 16–20 km easy. Mehr braucht es nicht, und mehr bringt keinen zusätzlichen Trainingsertrag, nur mehr Belastung. Wer 16 km auf M-Pace im Training schafft, hat eine gute Grundlage für die 42 km am Renntag.
Was wenn die M-Pace im Training nicht durchhält?
Zwei Optionen: 1) Wenn die Pace 5–10 Sek/km abdriftet, durchhalten, der Trainingsreiz ist trotzdem da. 2) Wenn die Pace 15+ Sek/km absackt, abbrechen und easy auslaufen. Wichtiger Datenpunkt: deine M-Pace-Erwartung ist eventuell zu optimistisch, deine Zielzeit anpassen.
Long Run mit Endbeschleunigung oder lieber 32 km easy?
In der Spezifik-Phase (letzte 4–6 Wochen vor dem Marathon) klar Endbeschleunigung. Sie produziert mehr renn-spezifischen Trainings­ertrag pro Kilometer als reines Easy-Laufen. In der frühen Build-Phase ist 32 km easy besser, weil die Marathon-Spezifität noch nicht im Vordergrund steht.
Sollte ich die Endbeschleunigung auch bei Hitze laufen?
Ja, aber Pace anpassen. Bei 20+ °C die M-Pace um 10–15 Sek/km drosseln. Du trainierst Constant Effort, nicht Constant Pace. Wer bei 28 °C versucht, seine Sub-3:30-M-Pace zu halten, brennt nur seine Speicher leer ohne Trainings­nutzen.
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