Pace und Kohlenhydrate: Warum dein Tempo ohne Energie wertlos ist

Von Matthias Henkert · Läufer, Rennradfahrer und Entwickler von WattRun · Zuletzt geprüft

Du kannst die höchste VO₂max und den effizientesten Laufstil der Welt haben: Wenn dir im Marathon das Benzin ausgeht, wirst du zur Schnecke. Das Halten der Pace scheitert sehr oft nicht an mangelnder Fitness, sondern an der Verpflegung.

Die kurze Wahrheit: 60–90g Kohlenhydrate pro Stunde während des Rennens. Alle 25–30 Minuten ein Gel. Wasser zum Runterspülen. Im Training getestet. Wer das nicht macht, läuft ab km 30 in den Bonk, egal wie fit er ist.

Die Mathematik des „Mannes mit dem Hammer“

Unser Körper speichert Kohlenhydrate in Form von Glykogen in den Muskeln (~400g) und der Leber (~100g). Diese Speicher reichen bei zügigem Tempo für etwa 90 bis 120 Minuten. Ein Marathon dauert aber für die meisten zwischen 3 und 5 Stunden.

Ohne Energie­zufuhr von außen passiert ab Kilometer 30 Folgendes:

  1. Glykogen­speicher leer. Muskeln bekommen keinen „schnellen“ Brennstoff mehr.
  2. Körper schaltet auf Fett. Fettverbrennung produziert Energie, aber langsam (5–10× langsamer als Glykogen).
  3. Pace bricht ein. Du läufst plötzlich 30–60 Sekunden/km langsamer, ohne dass die Beine "mehr" wollen.
  4. Mental-Crash. Hypoglykämie führt zu Konzentrations­schwäche, Muskelkrämpfen und dem berüchtigten "Mann mit dem Hammer".

Was kostet ein Bonk?

SzenarioPace-VerlustEnd-Zeit-Verlust
Saubere Ernährung0 Sek/km0 Min
Suboptimal (50g/h)+15 Sek/km auf km 30++3–5 Min
Schlecht (30g/h)+30 Sek/km auf km 30++8–12 Min
Voller Bonk (0g/h)+60+ Sek/km auf km 30++15–25 Min, ggf. DNF

So sicherst du dir deine Pace

Um deine Geschwindigkeit zu halten, musst du Kohlenhydrate kontinuierlich zuführen. Die Wissenschaft hat hier in den letzten 10 Jahren deutlich nachgelegt: Moderne Empfehlungen sind höher als die "alten" 30–40g/h.

Die Menge nach aktuellem Stand

NiveauCarbs/h EmpfehlungKommentar
Einsteiger / unerfahren40–60g/hMagen muss erst gewöhnt werden
Trainierter Hobbyläufer60–90g/hStandard für moderne Marathon-Ernährung
Sub-3 Marathonis80–100g/hHöhere Pace = mehr Verbrauch
Profis (mit Magen-Training)100–120g/hMulti-Transporter-Carbs (Glukose + Fruktose)

Die Umsetzung: Carbs in der Praxis

Ein durchschnittliches Energie-Gel enthält etwa 20–30g Carbs. Sportgetränke 30–60g/Liter. Riegel 30–50g pro Stück.

Verpflegungs-Plan für 60g/h

ZeitAktionCarbs
Vor dem Start (15 Min)1 Gel25g
km 8 (~40 Min)1 Gel + Wasser25g
km 16 (~80 Min)1 Gel + Iso-Drink25g + 15g
km 24 (~2:00 h)1 Gel + Wasser25g
km 32 (~2:40 h)1 Gel + Cola25g + 15g
km 38 (~3:10 h)1 Gel25g
Gesamt6 Gels + 2 Drinks180g (60g/h für 3:00 h)

Wasser nicht vergessen

Die meisten Gels sind hypertonisch, sie haben höhere Osmolalität als dein Blut. Das heißt: dein Körper muss Wasser ins Verdauungs­system pumpen, um sie zu verarbeiten. Ohne Wasser:

Regel: jedes Gel mit 100–200 ml Wasser runterspülen. Wer auf einer Verpflegungs­station Becher schluckt, plant das vor: Gel öffnen, dann 1–2 Becher Wasser trinken.

Zusatzquellen: Iso, Cola, Riegel

QuelleCarbsPraxis-Tipp
Energie-Gel (1 Stück)20–30gSchneller Carb-Push, einfach mitnehmen
Iso-Drink (500 ml)30g + ElektrolyteCarbs + Salz + Flüssigkeit in einem
Cola (200 ml)22g + KoffeinMental-Booster ab km 30; nur ohne Kohlensäure
Riegel (1 Stück)30–50gSehr fest, Magen-anspruchsvoll, eher km 1–25
Banane (½ Stück)13gWenig Carbs pro Volumen, liefert Kalium

Multi-Transporter-Carbs: über 60g/h hinaus

Der Darm kann pro Transporter-Typ nur ~60g/h Carbs aufnehmen. Wer mehr will, muss verschiedene Zucker­typen mischen: Glukose und Fruktose nutzen unterschiedliche Transporter (SGLT1 und GLUT5). Die Kombination erlaubt 90–120g/h, braucht aber Magen-Training.

Suche moderne Gels mit "Maltodextrin + Fruktose" oder "Glukose + Fruktose" auf der Zutaten­liste. Verhältnis idealer­weise 2:1 oder 1:0,8.

Der wichtigste Tipp: Trainiere die Aufnahme

Der Magen-Darm-Trakt („Runner's Gut“) streikt unter Belastung, wenn er die Aufnahme nicht gewohnt ist. Wer im Training nie Carbs zu sich nimmt und am Renntag plötzlich 6 Gels rein­schiebt, läuft direkt in Krämpfe.

Magen-Training: der Plan für die letzten 8 Wochen

Wochen vor dem RennenCarbs im Long RunHinweis
8–6 Wochen30g/h1 Gel pro Stunde zum Einstieg
6–4 Wochen45g/h1,5 Gels pro Stunde + Wasser
4–2 Wochen60g/hRenn-Strategie testen
2 Wochen vor RenntagRenn-Strategie 1:1Letzter Trainings-Long-Run mit identischer Verpflegung

Wichtig: alle Gels und Drinks, die du am Renntag verwenden willst, vorher mehrfach im Training testen. Marken, die du nie probiert hast, sind am Renntag absolut tabu. Geschmack, Konsistenz und Magen­verträglichkeit unterscheiden sich enorm.

Pre-Race Carb-Loading

Zwei bis drei Tage vor dem Marathon: Glykogen­speicher maximal füllen. Empfohlen 8–10g Kohlen­hydrate pro kg Körpergewicht pro Tag. Bei 75 kg sind das 600–750g Carbs täglich.

Praktisch heißt das: jede Mahlzeit kohlenhydrat-reich (Pasta, Reis, Brot, Kartoffeln, Bananen, Reiswaffeln). Dazu wenig Ballaststoffe in den letzten 24 h vor dem Start, damit der Magen am Renntag leer ist.

Fazit: Pace ohne Carbs ist nichts wert

Du kannst noch so präzise berechnete Splits haben: Wenn du auf Kilometer 32 keine Energie mehr hast, wirst du sie nicht laufen. Die wichtigste Trainings­einheit für die Carbs-Strategie ist nicht der harte Tempolauf, sondern der Long Run mit voll durch­getester Verpflegung.

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Häufige Fragen zu Carbs im Marathon

Brauche ich Carbs auch bei Sub-4-Marathon?
Ja, ab 90 Minuten Belastungs­dauer sind Carbs essentiell. Sub-4 dauert für die meisten 3:30–4:00, also weit über die Glykogen-Kapazität. Selbst Walker beim 6-Stunden-Marathon brauchen Verpflegung.
Was, wenn ich kein Gel vertrage?
Alternativen: feste Carbs (Banane, Riegel, Reiswaffeln) oder flüssige (Iso-Drink, Cola, Sport-Honig). Manche Läufer mit empfindlichem Magen vertragen Hydrogel-Produkte (etwa von Maurten) besser. Teste das im Training.
Bringen Koffein-Gels was?
Ja, Studien zeigen 1–3 % Performance-Boost durch 3–6 mg/kg Koffein 30–60 Min vor dem Lauf. Während des Rennens 1–2 Koffein-Gels (50–100 mg pro Gel) ab km 25 helfen mental und körperlich. Wichtig: vorher testen, manche Mägen reagieren empfindlich.
Sollte ich auf der Verpflegungsstation langsamer werden?
Ein paar Sekunden ja, das schadet nicht. Wer rennend Gel öffnet und Wasser schluckt, riskiert Verschlucken oder Krämpfe. 5 Sek pro Station für saubere Aufnahme sind besser als 20 Sek für falsche Aufnahme.
Wie viele Gels brauche ich für meinen ersten Marathon?
Bei 4-Stunden-Ziel: mindestens 6 Gels (60g/h). Plan zur Sicherheit 7–8 ein, falls du eines verlierst oder ablehnst. Lieber zu viel als zu wenig: Eine ungenutzte Gel-Tasche wiegt 30g, ein Bonk kostet 10 Min Endzeit.
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