Pacing-Fallen: Wenn Hitze, Wind und Höhenmeter deinen Plan zerstören

Von Matthias Henkert · Läufer, Rennradfahrer und Entwickler von WattRun · Zuletzt geprüft

Du hast perfekt trainiert. Dein Tapering saß auf den Punkt. Du kennst deine Ziel-Pace in- und auswendig. Und dann wachst du am Renntag auf, das Thermometer zeigt 25 Grad, dazu strammer Gegenwind. Wer jetzt stur an seiner Excel-Tabelle festhält, steuert auf ein DNF (Did Not Finish) zu.

Die Regel des Renntags: Constant Effort schlägt Constant Pace. Wenn die Bedingungen schlechter sind als geplant, sinkt die mögliche Pace. Und das ist OK. Wer trotzdem an der Excel-Pace festhält, übersäuert vor­zeitig und kommt nicht ins Ziel.

Faktor 1: Hitze und Luftfeuchtigkeit

Der Körper muss bei Hitze massiv Energie aufwenden, um dich herunterzukühlen: Schwitzen, stärkere Hautdurchblutung, höhere Atemfrequenz. Das bedeutet: bei gleicher Pace schießt deine Herzfrequenz nach oben (Cardiac Drift). Bei höherer HF verbrauchst du mehr Glykogen, ermüdest schneller, brichst früher ein.

Die Pace-Anpassung pro Temperatur

TemperaturPace-AnpassungHF-Drift erwarten
5–14 °C±0 (Optimum)Normal
15–18 °C+5 Sek/km+3 bpm
19–22 °C+10 Sek/km+5 bpm
23–26 °C+15–20 Sek/km+8 bpm
27–30 °C+25–35 Sek/km+12 bpm
30+ °CZielzeit aufgeben, Finishen ist das Ziel+15+ bpm

Luftfeuchtigkeit verstärkt den Effekt drastisch. Bei 90 % Luftfeuchte verhält sich 22 °C wie 28 °C im Trockenen, weil Schweiß nicht verdunsten kann. Faustregel: bei tropischen Bedingungen die Pace-Anpassung verdoppeln.

Praktische Hitze-Strategie

Faktor 2: Der Wind

Wind ist der unsichtbare Berg des Läufers. Das Problem: Rückenwind gibt dir niemals so viel Zeit zurück, wie dir Gegenwind raubt. Als grobe Faustregel kostet 20 km/h Gegenwind einen Marathonläufer ca. 8–10 Sek/km. Dieselbe Windgeschwindigkeit als Rückenwind bringt nur 4–5 Sek/km zurück.

Die Wind-Pace-Tabelle

Wind­geschwindigkeitGegenwind-StrafeRückenwind-Bonus
10 km/h (leicht)+3 Sek/km−1 Sek/km
20 km/h (mäßig)+8 Sek/km−4 Sek/km
30 km/h (stark)+15 Sek/km−7 Sek/km
40 km/h (sehr stark)+25 Sek/km−10 Sek/km

Wind-Strategie

Faktor 3: Höhenmeter

Ein flacher City-Marathon (Berlin, Frankfurt, London) verzeiht eine konstante Pace. Strecken mit Wellen oder Anstiegen tun das nicht. Auch leichte Anstiege von 2–3 % bedeuten bei gleicher Pace einen deutlich höheren Energieverbrauch. Schon 100 Höhenmeter über die Marathon­distanz kosten ein bis zwei Minuten Endzeit.

Anstieg-Pace-Anpassung

SteigungPace-VerlustHF-Anstieg
1 % (kaum spürbar)+5 Sek/km+2 bpm
2 % (leicht)+15 Sek/km+5 bpm
3 % (deutlich)+25 Sek/km+8 bpm
5 % (steil)+50 Sek/km+15 bpm

Bergab gewinnst du nicht alles zurück

Auch hier ist die Asymmetrie brutal: 1 % Steigung kostet 5 Sek/km, 1 % Gefälle bringt nur 2 Sek/km zurück. Bergab läuft sich auch nicht „umsonst“: Die Quads bekommen massiven exzentrischen Stress, der sich in der zweiten Hälfte rächt. Wer bergab knallt, hat ab km 35 Bambi-Beine.

Constant Effort am Berg

Die Lösung: nicht stures Uhren-Ablesen, sondern intelligentes Laufen nach Aufwand. Bergauf darf und muss die Pace deutlich abfallen. Bergab läufst du automatisch schneller, sollst aber nicht noch beschleunigen. Wer bergauf versucht, seine Ziel-Pace zu halten, treibt das Laktat in die Höhe und übersäuert die Beine vorzeitig.

Die kombinierten Effekte: Worst Case am Renntag

Was passiert, wenn alle drei Faktoren zusammenkommen? Beispiel: 24 °C, 20 km/h Gegenwind auf km 15–25, 250 Höhenmeter über die Distanz.

FaktorPace-Anpassung
Hitze 24 °C+15 Sek/km
Gegenwind 20 km/h auf 10 km+8 Sek/km × 25 % der Strecke ≈ +2 Sek/km gemittelt
250 Höhenmeter+3 Sek/km gemittelt
Gesamt-Anpassung+20 Sek/km

Ein 3:30-Marathon (Pace 4:59/km) wird unter diesen Bedingungen realistisch zu einem 3:44-Marathon (Pace 5:18/km). Wer trotzdem 4:59/km drückt, wird vermutlich gar nicht ins Ziel kommen.

Fazit: Plan B haben

Pacing bedeutet nicht stures Uhren-Ablesen, sondern die intelligente Anpassung an die Realität des Wettkampftages. Geh mit drei Plänen an den Start:

Wer mental darauf vorbereitet ist, dass Plan A nicht aufgeht, läuft mit Plan B oft seine Bestzeit. Wer nur Plan A im Kopf hat, läuft im Plan-A-Wetter eine Bestzeit und im Plan-B-Wetter ein DNF.

Häufige Fragen zu Renntag-Bedingungen

Bei welcher Temperatur sollte ich meine Zielzeit komplett vergessen?
Ab 28–30 °C, und dann nur, wenn du nicht akklimati­siert bist. Wer 6+ Wochen in heißem Klima trainiert hat (z.B. afrikanische Eliten), läuft auch bei 26 °C noch nahe Bestzeit. Hobby­läufer aus Mitteleuropa sind bei 25+ °C meist deutlich überfordert. Faustregel: Hauptziel ist Finishen, nicht Bestzeit.
Wie weiß ich vor dem Rennen, wie ich auf Hitze reagiere?
Im Training simulieren. Lauf 2–3 Long Runs in den 2 Wochen vor dem Marathon bei vergleichbarem Wetter und beobachte Cardiac Drift, Pace-Verlust und Wohlbefinden. Wer bei 22 °C im Training stark einbricht, sollte sich bei 22 °C im Wettkampf keine PB erhoffen.
Sollte ich bei Gegenwind-Marathon einen Pacemaker suchen?
Auf jeden Fall. Im Wind­schatten einer Gruppe sparst du bis zu 5 % Energie. Such dir eine Gruppe, die deine Ziel-Pace läuft, und bleib zentral in der Gruppe, nicht am Rand. Auf den Wind­schutz­abschnitten kannst du dich erholen, auf Rückenwind-Abschnitten kannst du dann alleine angreifen.
Wie viele Höhenmeter sind noch "flach"?
Unter 100 Höhenmetern auf 42 km gilt als flach (z.B. Berlin: 80 hm, Frankfurt: 100 hm). 100–250 hm ist welliger Stadt­marathon (z.B. Hamburg, München). Über 250 hm ist Hügelmarathon: Die Pace musst du um 5–10 Sek/km nach oben schrauben gegenüber einer flachen Strecke.
Kann ich Constant Effort messen?
Ja, am besten via Herzfrequenz. Stell deine Uhr auf "HF-Bereich Renn-Zone" (z.B. 165–172 bpm) und lass die Pace damit fluktuieren. Bei Anstiegen wird die Pace fallen, bei Bergab steigt sie automatisch. Wenn die HF konstant bleibt, ist der Aufwand ungefähr konstant, egal was die Strecke macht.
Vom Wissen zum Tun

Ein Plan, der sich jeden Tag anpasst.

WattRun passt jede Einheit an deinen Check-in am Morgen und an die Zeit an, die du hast. Die Tagesempfehlung erklärt dir in zwei, drei Sätzen, warum. 100 % kostenlos.